StockSelect - Investments

Zurück   stock-channel.net - Das Finanzportal > Zeitgeschehen
Benutzername
Kennwort
Aktuelle Uhrzeit 11:37

Antwort Gehe zum letzten Beitrag
 
Themen-Optionen
Alt 11.07.2003, 13:47   #61
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

Angriff auf die Liberty - Warum Israel im Sechstagekrieg ein US-Schiff bombardierte

Anfang Juni 1967 kreuzt das amerikanische Aufklärungsschiff „Liberty“, ein Spionagekreuzer der National Security Agency (NSA) vor der Küste Ägyptens. Der „Sechstagekrieg“ zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn war in seine heiße Phase getreten.

„Liberty“-Commander William L. McGonagle und seine Besatzung hören den Funkverkehr zwischen den israelischen Kommandostellen und auch den der Ägypter ab. Sie melden alles, was für Washington von Interesse ist.

Am 8. Juni 1967 wird die „Liberty“ plötzlich von israelischen Kampfflugzeugen und Torpedobooten angegriffen, von denen die Hoheitszeichen entfernt worden sind. Die Israelis feuern mit allem, was sie haben: Raketen, Bomben, Maschinengewehren, Napalm, Torpedos. Sie wollen das US-Schiff mit seiner gesamten Besatzung versenken. Selbst Rettungsboote werden angegriffen. 34 Seeleute der „Liberty“ sterben, 171 werden verwundet. Das Schiff kämpft sich trotz der Attacken auf die offene See hinaus, ihr wertvolles Material (Tonbänder, Fotos) wird gerettet.

Zunächst behaupten die Israelis, nicht sie, sondern die Ägypter hätten das US-Schiff angegriffen. Den Amerikanern sollte ein Grund geliefert werden, aktiv an der Seite der Israelis in den Krieg gegen die Araber einzutreten. Offiziell blieben die USA in dem Konflikt neutral, um den Sowjets keine Handhabe zur militärischen Unterstützung Ägyptens und Syriens zu geben.

Als Israels Version nicht zu halten ist, behauptet die Regierung in Tel Aviv, ihre Marine habe die „Liberty“ mit einem ägyptischen Frachtschiff verwechselt, das mit Kriegsmaterial nach Alexandria unterwegs war. Bis heute halten die Israelis an dieser Version fest. Doch Mitchell präsentiert Aussagen von Zeugen, die belegen, dass die Israelis die „Liberty“ vor der Bombardierung eindeutig als US-Schiff erkannt hatten.

Und er liefert Beweise für seine These, dass Präsident Johnson und Verteidigungsminister McNamara den Tod ihrer Landsleute hinnahmen, um Israels Kriegsziele nicht zu gefährden. So konnte die Legende aufrecht erhalten werden, die Israelis hätten das amerikanische Spionageschiff mit einem ägyptischen Frachter verwechselt. Robert McNamara bleibt auch heute noch bei dieser Version, der von Geheimdienstlern, Militärs und anderen damals Beteiligten heftig widersprochen wird.

Erstmals nach 35 Jahren reden jetzt die unmittelbar Beteiligten offen über die Vorfälle im östlichen Mittelmeer.

Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 14.07.2003, 15:37   #62
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting Nachtrag WTC-Ereignis

Unter nachstehendem Link gibt es eine große Fülle verschiedener Bilderauswertungen und aufgeworfener Fragen


http://www.skdbavaria.de/911/
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 18.07.2003, 14:04   #63
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

Wer erschoss Mohammed al-Dura?

James Fallows

Die Bilder des Palästinenserjungen, der in den Armen seines Vaters stirbt, gingen um die Welt. Für die Muslime wurden sie zum Symbol des Kampfes gegen die jüdischen Unterdrücker. Eine akribische Recherche zeigt nun: Die tödlichen Schüsse wurden nicht von den Israelis abgefeuert.



In den Vereinigten Staaten und Europa ist der Name Mohammed al-Dura praktisch unbekannt, doch für Millionen Menschen in der muslimischen Welt ist er ein berüchtigtes Symbol des Hasses auf Israel und die Vereinigten Staaten, die diesen Staat unterstützen.

Mohammed al-Dura ist jener zwölfjährige Palästinenser, der am 30. September 2000 während einer Schiesserei zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Demonstranten tödlich getroffen wurde. Die letzten Momente seines Lebens – ängstlich versteckt er sich hinter seinem Vater Jamal al-Dura und sinkt dann, von tödlichen Kugeln getroffen, zu Boden – wurden von der Kamera eines Fernsehreporters festgehalten. Diese Bilder gingen um die Welt und wurden, oftmals wiederholt, für arabische und islamische Zuschauer so vertraut und bedeutsam wie die Fotografien des zerstörten Hiroschima für die Japaner – oder die Bilder vom einstürzenden World Trade Center für die Amerikaner. Mehrere arabische Länder haben Briefmarken mit einem Porträt des Jungen herausgebracht, eine Hauptstrasse in Bagdad wurde in Märtyrer-Mohammed-al-Dura-Strasse umbenannt, und in Marokko gibt es einen Al-Dura-Park. In einer seiner Botschaften nach dem 11. September und dem anschliessenden US-Angriff auf Afghanistan verurteilte Osama Bin Laden die «amerikanische Arroganz und israelische Aggression» mit den Worten: «Bush in seiner grenzenlosen Arroganz und auf dem Höhepunkt seiner Medienkampagne, in der er von dauerhafter Freiheit spricht, sollte nicht das Bild von Mohammed al-Dura und seinen muslimischen Glaubensbrüdern in Palästina und Irak vergessen. Wenn er es vergessen hat – wir werden es, so Gott will, nicht vergessen.»

Doch seit dem Zwischenfall sind in Israel – unter kontroversen und kuriosen Umständen – Ermittlungsergebnisse vorgelegt worden, die den Schluss nahe legen, dass die offizielle Version des Todes von Mohammed al-Dura nicht zutrifft. Inzwischen deutet alles darauf hin, dass der Junge nicht so gestorben sein kann, wie das von den meisten internationalen Medien berichtet wurde und in der gesamten islamischen Welt leidenschaftlich geglaubt wird. Was auch passiert sein mag – Mohammed al-Dura wurde nicht von den israelischen Soldaten getötet, die sich an jenem Tag am Schauplatz befanden. Davon bin ich jedenfalls überzeugt, nachdem ich eine Woche in Israel verbracht und mit all jenen gesprochen habe, die sich mit dem Fall beschäftigen. Das entlastende Material kommt indes nicht von israelischen Regierungsangehörigen oder Militärs, die ein verständliches Interesse daran hätten, ihre Soldaten von Schuld freizusprechen, sondern aus anderen Quellen. Die Ermittlungen wurden von verschiedenen Akademikern, Ex-Soldaten und Internetfreaks geführt, denen der Fall keine Ruhe liess. Und sie haben überprüfbares Material vorgelegt. Um annähernd zu verstehen, was seinerzeit passiert ist und was es bedeutet, habe ich mir in Tel Aviv stundenlang Videobänder angesehen.

Der Tod von Mohammed al-Dura ereignete sich am zweiten Tag der zweiten Intifada, der Welle gewaltsamer Proteste in den besetzten Gebieten. Die Nahost-Friedensverhandlungen waren im Sommer 2000 abermals ins Stocken geraten. Am 28. September, einem Donnerstag, besuchte Ariel Scharon, Chef der Likud-Partei, aber noch nicht Ministerpräsident, den Tempelberg in Jerusalem mit seinen beiden Moscheen, diesen hochsensiblen religiösen Ort. Für die Palästinenser war dies der Auslöser – aus Sicht vieler Israelis der Vorwand – für die Proteste, die am nächsten Tag einsetzten.


Merkwürdige und wichtige Ausnahmen

Am 30. September wurde auch an einer Strassenkreuzung im besetzten Gazastreifen protestiert, in der Nähe der jüdischen Siedlung Netzarim, in der sechzig Familien wohnen. Hier, an dieser Kreuzung in einer nur gering erschlossenen Gegend, war drei Tage zuvor ein israelischer Soldat von einer Bombe getötet worden. An einer Ecke der Kreuzung standen ein leeres Lagerhaus, zwei sechsgeschossige Bürogebäude (die so genannten Zwillingstürme) und ein zweigeschossiges Gebäude. (Diese und andere Gebäude an der Kreuzung wurden inzwischen eingerissen.) Israelische Soldaten hatten das zweigeschossige Gebäude als Posten umfunktioniert, um von hier aus die Zufahrt nach Netzarim zu kontrollieren. Schräg gegenüber befand sich ein kleines baufälliges Gebäude und ein Gehsteig mit Betonmauer. An dieser Mauer suchten Mohammed al-Dura und sein Vater Deckung, bevor sie von Kugeln getroffen wurden. Der Vater überlebte verletzt. Im Übrigen bestand die Kreuzung aus unbebautem Land. An einer Ecke befand sich ein runder Lehmwall, bekannt als Pita, weil er wie ein Pitabrot geformt war. Eine Gruppe uniformierter palästinensischer Polizisten, bewaffnet mit Schnellfeuergewehren, war fast den ganzen Tag auf der Pita.

Am Morgen des 30. September versammelte sich eine palästinensische Menschenmenge an der Strassenkreuzung. Fernsehteams, Fotografen und Reporter zahlreicher Nachrichtenagenturen (Reuters, AP, France 2 u.a.) waren ebenfalls anwesend. Weil so viele Kameras so lange liefen, gibt es reichlich Bildmaterial von den Geschehnissen dieses Tages – mit ein paar merkwürdigen und wichtigen Ausnahmen, von denen die meisten den Fall Mohammed al-Dura betreffen.


Was geht hier eigentlich vor?

Das ungeschnittene Filmmaterial, das die genannten und andere Medien zur Verfügung gestellt haben, erzählt eine detailreiche, wenngleich verworrene Geschichte. Manchmal überschneiden sich die Bilder, ein andermal offenbaren sie mysteriöse Lücken. Natürlich hat keine Kamera sämtliche Ereignisse des Tages gefilmt, und da so viele Menschen gleichzeitig an so vielen Stellen waren, kann kein Augenzeuge eine umfassende Darstellung liefern. Gabriel Weimann, der Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaften an der Universität Haifa, der in seinem Buch «Communicating Unreality» die Auswirkungen verzerrter Medienberichterstattung untersucht, sprach von einem «Rashomon-Effekt» des Rohmaterials. Es scheint, als würden viele einzelne kleine Dramen aufgeführt. Man sieht Grüppchen junger Männer, die herumgehen, Witze machen, auf dem Boden sitzen und rauchen und sich offenbar vergnügen. Dann wiederum sieht man Momente intensiver Handlung, Demonstranten, die rufen und Steine werfen, und aus unterschiedlichen Richtungen fallen Schüsse. Erst wenn diese vielen Einzelszenen zum üblichen Format einer Fernsehreportage zusammengeschnitten werden, gewinnen sie einen narrativen Zusammenhang.

Den ganzen Vormittag wird der israelische Posten immer wieder von einigen der mehreren hundert Palästinenser angegriffen. Sie werfen Steine und Molotowcocktails. Sie schwenken die palästinensische Fahne und versuchen, eine israelische Fahne in der Nähe des Postens herunterzureissen. Einige der Zivilisten hatten Pistolen oder Gewehre, aus denen sie gelegentlich Schüsse abgaben. Auch die palästinensischen Polizisten, hauptsächlich im Bereich der Pita, schossen von Zeit zu Zeit. Einem Militärsprecher zufolge hatten die israelischen Soldaten Anweisung, auf Steine oder andere Wurfobjekte nicht mit Schüssen zu reagieren. Nur bei Beschuss sollte das Feuer erwidert werden. Filmaufnahmen, die den ganzen Tag über entstanden, zeigen Rauch aus den Mündungen der M-16 in den Gucklöchern des israelischen Postens.

Beim Betrachten des Rohmaterials fragt man sich immer wieder: Was geht hier eigentlich vor? Da sieht man Gruppen von Palästinensern, die sich vor Schüssen in Sicherheit bringen, während andere, nur zwei Meter davon entfernt, ungezwungen plaudern oder Zigaretten rauchen. Einmal sieht man einen Palästinenser, der zu Boden hechtet und sich dabei ans Bein greift, als wäre sein Oberschenkel getroffen. Genau zwei Sekunden später, während er noch fällt, trifft ein Krankenwagen ein. Ein anderer Mann wird in den Krankenwagen geladen – und auf Bildern einer anderen Kamera sieht man ihn wenig später wieder herausspringen.

Gegen 15 Uhr tauchen Mohammed al-Dura und sein Vater erstmals im Film auf. Die Zeit lässt sich nach späteren Aussagen des Vaters und einiger anwesender Journalisten schätzen und nach der Länge der Schatten auf den Bildern. Obwohl an diesem Tag so viele Kameras liefen, sind Mohammed und Jamal al-Dura nur auf den Bildern eines einzigen Kameramannes zu sehen – Talal Abu-Rahmas, eines palästinensisches Mitarbeiters von France 2.

Jamal al-Dura erklärte später, er habe mit seinem Sohn einen Gebrauchtwagenmarkt besucht und sei auf dem Heimweg an der Strassenkreuzung unter Beschuss geraten. Die ersten Aufnahmen zeigen Vater und Sohn, die sich auf dem Gehsteig hinter einer grossen Betonröhre ducken, mit dem Rücken zur Mauer. Die etwa einen Meter hohe Röhre wird in den Aussagen meist als Tonne bezeichnet. Oben darauf liegt ein grosser Pflasterstein, der noch etwa zwanzig Zentimeter zusätzlichen Schutz bietet. Die al-Duras befanden sich genau gegenüber von dem israelischen Posten. Indem sie sich hinter der Tonne versteckten, taten sie genau das, was nötig war, um sich vor israelischem Feuer zu schützen.


Die Realität des Fernsehens

In vielen Medienberichten hiess es später, die beiden seien eine Dreiviertelstunde unter Beschuss gewesen, doch der von der Kamera eingefangene Beschuss ist nur von kurzer Dauer. Jamal schaut sich verzweifelt um, Mohammed verbirgt sich hinter ihm, als wollte er sich unsichtbar machen. Jamal hat eine Zigarettenschachtel in der linken Hand, mit der rechten winkt er und legt sie beruhigend auf seinen Sohn. Man hört Schüsse, links neben den beiden erscheinen vier Einschusslöcher in der Mauer. Der Vater beginnt zu schreien. Wieder eine Salve. Mohammed sinkt seinem Vater mit blutbeflecktem Hemd in den Schoss. Auch Jamal wird getroffen, er wirft schwer verwundet den Kopf hin und her. Hier hört der Film auf. France 2 oder sein Kameramann haben vielleicht noch Bilder, die sie der Öffentlichkeit nicht zeigen wollen, aber es ist nicht bekannt, ob von den tödlichen Schüssen oder der anschliessenden Situation noch anderes Filmmaterial existiert. Man sieht, wie andere palästinensische Opfer weggeschafft werden, aber es gibt kein Bildmaterial, auf dem zu sehen wäre, wie der Junge nach den tödlichen Schüssen aufgehoben, zu einem Krankenwagen gebracht oder sonst wie versorgt wird.

Die Bilder von Mohammed al-Dura sind unvergesslich, und sie zeigen, wie das Fernsehen die Realität verändert. Mindestens hundertmal habe ich diese Bilder schon gesehen, und jedes Mal hoffe ich, der Junge werde sich dieses Mal noch tiefer ducken, damit er nicht getroffen wird. Die redaktionell bearbeitete Szene, die in Europa, Amerika und in Nahost in den Nachrichtensendungen gezeigt wurde, hatte eine klare Aussage: Palästinenser werfen Steine, israelische Soldaten schiessen zurück, ein kleiner Junge wird getötet.


Wann fand das Begräbnis statt?

Vom Rest des Tages sind nur Bruchstücke bekannt, die zusätzlich für Verwirrung sorgen. Einem Krankenhausbericht ist zu entnehmen, dass am 30. September ein toter Junge mit zwei Schusswunden in der linken Körperhälfte eingeliefert wurde. Auf der Fotokopie dieses Berichts, die ich einsehen konnte, steht aber auch, dass der Junge um 13 Uhr eingeliefert wurde. Auf den Videobildern ist zu sehen, dass Mohammed am späten Nachmittag erschossen wurde. In dem ärztlichen Bericht ist auch von einer etwa zwanzig Zentimeter langen Schnittwunde am Bauch des eingelieferten Jungen die Rede. Später, der genaue Zeitpunkt ist umstritten, wurde die Leiche eines Jungen, der bis auf das Gesicht in eine palästinensische Fahne gehüllt war, durch die Strassen zu einem Friedhof getragen. Das Gesicht ähnelt dem Gesicht Mohammeds auf den Videobildern. Tausende gaben dem Toten das letzte Geleit. Eine BBC-Fernsehreportage über das Begräbnis begann mit den Worten: «Ein palästinensischer Junge ist den Märtyrertod gestorben.» Viele der grossen US-Sender berichteten, dass das Begräbnis am Abend des 30. September stattgefunden habe, wenige Stunden nach dem Zwischenfall. Auf den Bildern findet der Begräbniszug aber bei vollem Sonnenschein statt, die Schatten weisen auf Mittag hin.

Über die Tragödie wurde fast im selben Moment weltweit berichtet. In den Printmedien hiess es vorsichtig, Mohammed al-Dura habe «im Kreuzfeuer» oder bei einem «Schusswechsel» zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern den Tod gefunden. So berichtete die New York Times, dass der Junge, der sich während einer heftigen Schlacht zwischen israelischen und palästinensischen Sicherheitskräften hinter seinem Vater versteckte, einen tödlichen Bauchschuss erhalten habe. In «Weekend All Things Considered» von National Public Radio sagte Jacki Lyden, der Junge sei «in ein Kreuzfeuer geraten». Anschliessend interviewte sie den Kameramann von France 2, Talal Abu-Rahma, der erklärte, dass die tödlichen Schüsse von den Israelis gekommen seien.

Abu-Rahma: «Ich war furchtbar traurig. Ich habe geweint. Und ich dachte an meine eigenen Kinder. Ich hatte Angst um mein Leben. Ich kniete auf der Erde, verbarg den Kopf, ich hatte ja die Kamera dabei und hatte Angst, die Israelis könnten sie sehen und denken, es sei eine Waffe.»

Lyden: «Haben die schiessenden Soldaten versucht, das Feuer einzustellen und zu hören, was der Vater ihnen zurief? Konnten sie überhaupt erkennen, worauf sie schossen?»

Abu-Rahma: «Also, jeder, der auf der anderen Strassenseite war, musste sehen, dass dort ein Vater mit seinem Jungen war. Ich kenne diese Gegend, ich kenne sie sehr gut, ich war oft dort. Ich kenne alle in dieser Gegend. Wer immer geschossen hat, er musste die beiden sehen, denn die Entfernung zwischen dem Posten und dem Jungen und dem Vater war ja nicht gross. Etwa hundertfünfzig Meter.»

Jamal al-Dura beharrte stets darauf, dass sein Sohn von israelischen Soldaten getötet worden sei. «Sind Sie sicher, dass es israelische Kugeln waren?», fragte ihn Diane Sawyer von ABC News später. «Ich bin hundertprozentig sicher», antwortete er durch seinen Dolmetscher. «Es waren die Israelis.» In einem Interview mit Associated Press sagte er: «Es waren die Kugeln der Zionisten, die meinen Sohn getötet haben.»

Am Dienstag, dem 3. Oktober, schien alles geklärt: Nach einer eiligen internen Untersuchung zog die israelische Armee den Schluss, dass wahrscheinlich ihre Soldaten schuld seien.

General Yom-Tov Samia, der für Gaza zuständige Chef des Südabschnitts, erklärte: «Es könnte durchaus sein – das ist eine Vermutung –, dass ein Soldat, der von unserer Stellung aus ein sehr eingeschränktes Blickfeld hat, jemanden sah, der sich hinter einem Zementblock versteckte, und zwar in einer Richtung, aus der er beschossen wurde, und er hat dann in diese Richtung geschossen.» General Giora Eiland, der den Armee-Einsatz kommandierte, sagte im israelischen Rundfunk, dass der Junge «anscheinend von israelischen Soldaten getötet wurde, die auf die Palästinenser schossen, die sie ihrerseits mit ungeheuer vielen Brandbomben, Steinen und massivem Feuer angriffen».


«Ihr könnt uns nicht alle töten»

Der neuerliche Versuch, die Erschiessung des Jungen faktisch zu rechtfertigen, war für das Ansehen der israelischen Armee nicht sehr hilfreich. Eiland sagte: «Es ist bekannt, dass [Mohammed al-Dura] schon früher zu den Steinewerfern gehörte.» Samia fragte, was ein Zwölfjähriger überhaupt an einem so gefährlichen Ort zu suchen habe. Ariel Scharon, der einräumte, dass die Fernsehbilder sehr schlimm seien und der Tod des Jungen eine richtige Tragödie, sagte aber auch: «Schuld an dieser Sache hat einzig derjenige, der zu all diesen Aktivitäten aufgerufen hat, nämlich Jassir Arafat.»

Die Palästinenser und die arabisch-islamische Welt ganz allgemein sahen das anders. Sweatshirts, Poster und Wandbilder wurden geschaffen, die das Gesicht des jungen Mohammed al-Dura kurz vor seinem Tod zeigten. «Sein Gesicht, einen Meter gross, mit einer Schablone aufgemalt, prangt überall in Gaza an den Mauern», schrieb Matthew McAllester von Newsday letztes Jahr. «Jeder Araber kennt seinen Namen, sein Tod gilt als besonders gutes Beispiel für die Brutalität israelischer Soldaten.» Im modernen Krieg, sagte Bob Simon in der CBS-Sendung «60 Minutes», könne ein Foto so viel wert sein wie tausend Gewehre, und das Foto des armen Jungen sei «eine der katastrophalsten Niederlagen, die Israel seit Jahrzehnten hinnehmen musste». Gabriel Weimann sagte, ihm sei schlecht geworden bei dem Gedanken, dass dies in seinem Namen geschehen sei. Amnon Lord, ein israelischer Kolumnist, der diesen Vorfall untersucht hat, schrieb mir, dass der Vorfall auf der mythologischen Ebene wichtig sei, weil es eine Rahmengeschichte sei, ein paradigmatisches Ereignis, das die Brutalität der Israelis veranschauliche. Dan Schueftan, ein israelischer Stratege und Militärberater, ist der Ansicht, dass dieser Fall Israel ungeheuer geschadet habe. «Es war das ultimative Symbol dessen, was die Araber denken wollen: Der Vater will seinen Sohn schützen, doch die satanischen Juden versuchen, ihn umzubringen. Die Juden sind Leute, die unsere Kinder töten, weil sie keine Menschen sind.»

Zwei Jahre nach Mohammed al-Duras Tod wurde seine Stiefmutter Amal schwanger. Es war das achte Kind. Die Eltern nannten es Mohammed. Amal soll gegen Ende ihrer Schwangerschaft gesagt haben: «Es wird eine Botschaft für die Israelis sein: Einen habt ihr getötet, aber Gott hat ihn mir ersetzt. Ihr könnt uns nicht alle töten.»

Im Herbst des letzten Jahres kam Gabriel Weimann in seinem Lehrgang «Nationale Sicherheit und Massenmedien» auf den Fall Mohammed al-Dura zu sprechen. Weimann, ein hochgewachsener, sportlich wirkender Mann Anfang fünfzig, leistet, wie so viele Erwachsene in Israel, noch immer dreissig Tage Reservedienst im Jahr. Sein Dienstgrad ist Sergeant, seine Studenten an der Militärakademie sind Oberstleutnants und höhere Ränge.

Um die Bedeutung der Massenmedien in der internationalen Politik zu unterstreichen, zeigte Weimann seinen Studenten eine Montage berühmter Bilder aus früheren Kriegen – aus dem Zweiten Weltkrieg die fahnenhissenden Soldaten auf Iwo Jima, aus dem Vietnamkrieg den südvietnamesischen Polizeioffizier, der einen Kriegsgefangenen in den Kopf schiesst, und das nackte Mädchen, das einen Weg entlangläuft, im Hintergrund Napalmexplosionen. Für die gegenwärtige Intifada, so Weimann, wird das Bild des verängstigten Mohammed al-Dura die bleibende Ikone sein.

Einige Tage nach der Diskussion dieser Fotos meldete sich ein Student zu Wort: «Ich war dabei. Wir sind es nicht gewesen.» Darauf Weimann: «Beweisen Sie es!» Er erteilte einigen Studenten die Aufgabe, im Rahmen ihres Forschungsprojekts das Dokumentarmaterial zu diesem Fall erneut zu sichten. Es gab überraschend viel Material. Die Studenten befassten sich zunächst mit der Ermittlung, die die israelische Armee nach dem Zwischenfall durchgeführt hatte.

Kurz nach der Schiesserei hatte sich Nahum Schahaf, ein Physiker und Ingenieur, der mit der israelischen Armee eng an der Entwicklung eines unbemannten Drohnenflugzeugs gearbeitet hatte, mit General Samia in Verbindung gesetzt. Schahaf hatte, wie viele Menschen in Israel und auf der ganzen Welt, entsetzt die Fernsehbilder gesehen, aber es war ihm auch etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Für den Vater schien die drohende Gefahr von der anderen Seite des Betonröhre herzurühren, hinter der er Schutz suchte. Doch die Betonröhre schien intakt, als er und sein Sohn von den Kugeln getroffen wurden. Was genau bedeutete das?

Samia beauftragte Schahaf und den Ingenieur Josef Duriel, diesen Fall noch einmal für die israelische Armee zu untersuchen. «Ich wollte unsere Werte überprüfen und wiederherstellen», erklärte Samia später im Gespräch mit Bob Simon von CBS. Er wolle dafür sorgen, dass wir «noch immer als israelische Armee handeln». Schahaf betonte gegenüber Samia, dass es wichtig sei, die örtlichen Gegebenheiten möglichst unverändert zu lassen. Weil es aber in der Gegend um Netzarim immer wieder zu Intifada-Aktivitäten kam, riss die Armee die Mauer und alle umstehenden Gebäude ein. Begleitet von Soldaten und mit einer kugelsicheren Weste versehen, nahm Schahaf die Strassenkreuzung in Augenschein. Anschliessend bauten er, Duriel und andere in der Nähe von Beerscheba Modelle der Betonröhre, der Mauer und des Militärpostens, um den Zwischenfall nachzustellen.

Da aus der Leiche des Jungen im Krankenhaus keine Kugeln entfernt worden waren und die Familie einer Exhumierung (mit dem Ziel, die Wunden erneut zu untersuchen) kaum zugestimmt hätte, war das wichtigste Beweisstück die Betonröhre. Auf den Fernsehbildern ist deutlich das Prägezeichen des staatlichen israelischen Prüfinstituts zu erkennen, so dass die Ingenieure die genauen Abmessungen und die Materialbeschaffenheit der Röhre bestimmen konnten. Man stellte also eine baugleiche Röhre vor eine Betonmauer und setzte Puppen dahinter, die Vater und Sohn darstellten. Sofort zeigte sich, dass die israelischen Soldaten von ihrem Posten aus keinesfalls die Schüsse abgegeben haben konnten, deren Einschlagstellen auf den Fernsehbildern zu sehen waren. Die Beweislage war eindeutig – der Schusswinkel, die Röhre, die Einschussstellen und der Staub, der bei dem Einschlag aufwirbelte.


Das wichtige runde Einschussloch

Mohammed al-Dura und sein Vater schauten, als wollten sie sich vor dem Feuer des israelischen Postens schützen. Das gelang ihnen auch. Die Videobilder zeigen, dass zwischen ihnen und den israelischen Gewehren die Betonröhre war. Von dem israelischen Posten aus waren die beiden daher nicht zu sehen. Möglicherweise befand sich ein anderer israelischer Soldat am Ort, der aus einem anderen Winkel schoss, doch dafür gibt es keine Hinweise, und niemand hat von dieser Möglichkeit gesprochen. Und überall waren Palästinenser, die die Anwesenheit weiterer israelischer Soldaten vermutlich bemerkt hätten. Von dem bekannten Standort der israelischen Soldaten war der Junge nur mit einem Schuss durch die Betonröhre zu treffen.

Das bringt uns zur Beschaffenheit der Betonröhre. Ihre Wände waren knapp zwei Zoll (ca. 5 cm) stark. Auf dem Schiessplatz zeigte sich im Versuch, dass die Kugeln des M-16-Gewehrs nur kleine, ein bis zwei Zentimeter tiefe Einschusslöcher hinterliessen. Nur nach mehrfachem, direktem Beschuss auf beiden Seiten der Röhre hätte eine Kugel die Wände durchschlagen. Die Videoaufnahmen des Zwischenfalls zeigen weniger als zehn Einschussspuren auf der dem israelischen Posten zugewandten Seite, was den Schluss zulässt, dass israelische Soldaten im Laufe des Tages tatsächlich auf die Röhre schossen. Fotos, die nach dem Vorfall aufgenommen wurden, zeigen aber keinerlei Beschädigungen auf der Seite der Röhre, die den al-Duras zugewandt war – anders gesagt, die Röhrenwand wurde von keiner Kugel durchschlagen.

Als Beweismaterial dienen auch die Schussspuren in der Betonmauer. Die Einschusslöcher, die nur Sekunden vor der tödlichen Salve in der Mauer erscheinen, sind rund. Das ist wichtig, denn es gibt Aufschluss über den Schusswinkel. Die Ermittler gaben aus unterschiedlichen Winkeln Schüsse auf eine Betonmauer ab und stellten fest, dass ein rundes Einschussloch praktisch nur bei Frontalbeschuss entstand. Je schräger die Schusslinie, desto ovaler wurde das Loch.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Staub, der bei dem Aufprall der Kugeln aufwirbelte. Bei frontalem Beschuss entstand eine sehr kleine, runde Staubwolke. Je schräger die Bahn, desto grösser und länger war die Staubwolke. Auf den Videobildern sind neben den Köpfen von Vater und Sohn al-Dura kleine, runde Staubwolken zu erkennen. Schüsse aus der Richtung des israelischen Postens konnten nur in einer schrägen Linie einschlagen.


Politik, Paranoia, Fantasie und Hass

Kurzum, die örtlichen Gegebenheiten legten nahe, dass die Schüsse nicht von dem israelischen Militärposten gekommen sein können, sondern von irgendwo hinter dem Kameramann von France 2, ungefähr aus der Gegend der Pita. Allerdings sollten die von der israelischen Armee beauftragten Ermittler nicht herausfinden, wer die tödlichen Schüsse konkret abgegeben hatte, sondern nur prüfen, ob überhaupt israelische Soldaten verantwortlich waren.

Da die Ermittlungen unter Aufsicht der Armee stattfanden und ausschliesslich von Israelis geführt wurden, war natürlich nicht damit zu rechnen, dass die Ergebnisse in der arabischen Welt ernst genommen würden. Doch die entscheidende Tatsache, dass die Betonröhre zwischen dem Posten und dem Jungen lag und keine Kugel die Röhrenwand durchschlagen hatte, konnte jedermann anhand von Videobildern überprüfen.

Die Spekulationen über den Fall Mohammed al-Dura verliessen nun den Bereich von Geometrie und Ballistik und betraten die Welt der Politik, von Paranoia, Fantasie und Hass. Kaum hatte das israelische Militär die zweite Untersuchung in Auftrag gegeben, wurde sie von israelischen Kommentatoren in Zweifel gezogen, und israelische Regierungsvertreter distanzierten sich von den Erkenntnissen. «Die Dummheit dieser bizarren Untersuchung lässt sich kaum in milden Worten beschreiben», erklärte die liberale Tageszeitung Haaretz sechs Wochen nach dem tödlichen Zwischenfall in einem Leitartikel. Schahaf und Duriel, so stand zu lesen, liessen sich nicht von der Notwendigkeit einer nüchternen Ermittlung leiten, sondern von der Überzeugung, dass Palästinenser die Schiesserei inszeniert hätten. (Schahaf selbst erklärte mir, dass er seine Ermittlungen aus Neugier begonnen, mit der Zeit aber die Überzeugung gewonnen habe, dass die vielen Anomalien auf einen inszenierten Zwischenfall deuteten.) Und Haaretz weiter: «Die Tatsache, dass eine Organisation wie die israelische Armee mit ihren ungeheuren Ressourcen sich bei einem so heiklen Thema auf eine so laienhafte, gleichsam piratenmässig angelegte Untersuchung einliess, ist schockierend und beängstigend.»

Der Streit wurde immer heftiger, so dass Samia die Ermittlungen abkürzte und sich am Ende weigerte, über den Fall überhaupt zu sprechen. In Regierungskreisen, so wurde mir von vielen Seiten berichtet, werde jede weitere Aufmerksamkeit für den Fall Mohammed al-Dura für sinnlos gehalten. Kein einziger neuer «Beweis» könne die Bilder vom Tod des Jungen vergessen machen, und eine erneute Diskussion würde nur dazu führen, dass die grauenvollen Bilder wieder gezeigt würden. Armeesprecher reagierten nicht auf meine Anrufe, und auch mein Ersuchen, die bei dem Zwischenfall anwesenden Soldaten interviewen zu dürfen, blieb unbeantwortet.

Als Gabriel Weimanns Studenten, unter ihnen auch der Soldat, der am Ort des Geschehens gewesen war, sich den Fall im letzten Herbst wieder vornahmen, hatten die meisten Israelis die Sache fast schon vergessen. Für Kritiker der Siedlungspolitik des Likud machen die tödlichen Schüsse abermals deutlich, welcher Preis für diese Politik zu zahlen ist. Likud-Anhänger betrachten den Tod Mohammed al-Duras als bedauernswerten «Kollateralschaden», der durch die Anschläge palästinensischer Terroristen aufgewogen werde.

Wirklich interessiert an dem Fall waren im Grunde nur einige israelische und europäische Juden, die der Ansicht sind, dass dieser Zwischenfall inszeniert wurde, um Israel vor der Weltöffentlichkeit anzuschwärzen. Nahum Schahaf wurde gewissermassen ihr Wortführer. Schahaf ist einer dieser Menschen, wie sie jeder Reporter kennt – jemand, der sich völlig einer Sache, einem ungeklärten Problem widmet und stundenlang darüber reden kann. Er ist kräftig gebaut, mittelgross, das leicht angegraute Haar zurückgekämmt. Auf Fotos schaut er immer ernst, fast böse, doch während unserer Gespräche schien er ständig zu lächeln, Witze zu machen, sich zu amüsieren. Schahaf ist Mitte fünfzig, aber wie so viele Naturwissenschaftler und Ingenieure wirkt er ein wenig unerwachsen. Er hat einige Zeit in Kalifornien gelebt, wo er unter anderem als Paraglider-Lehrer tätig war. Er bewegt sich und gestikuliert wie ein Teenager, dem sein Erscheinungsbild egal ist. Ich fand ihn sympathisch.

Bevor er sich mit dem Fall al-Dura beschäftigte, war Schahaf hauptsächlich als Erfinder bekannt. Für seine Arbeiten zur computergesteuerten Bearbeitung digitaler Videoübertragungen erhielt er eine Auszeichnung vom israelischen Forschungsministerium. «Aber seit zweieinhalb Jahren beschäftige ich mich nur noch mit dem Fall al-Dura», erklärte er mir. «Ich habe alles andere aufgegeben, weil ich es für wichtig halte.» Als ich seine Wohnung betrat, drang aus einem Zimmer ein sich wiederholender Krach, der von einem aggressiven Videogame herrühren mochte, das ein Jugendlicher spielte. Eine Stunde später betraten wir dieses Zimmer. Es war umgebaut zu einer Werkstatt mit verschiedenen Videobildschirmen, Schalttischen und Computern, und ich sah diese eine Massenszene vom 30. September in einer Endlosschleife.

Schahafs Ermittlungen für die Armee ergaben, dass die israelischen Soldaten an der Kreuzung nicht auf den Jungen geschossen haben. Doch inzwischen glaubt er, dass das ganze Geschehen jenes Tages ein Theater war. Der Junge, der in dem Film zu sehen ist, kann, muss aber nicht der Sohn des Mannes gewesen sein, der ihn in den Armen hielt. Der Junge und der Mann wurden möglicherweise angeschossen, vielleicht auch nicht. Wenn der Junge tatsächlich von einer Kugel getroffen wurde, muss er nicht unbedingt gestorben sein. Wenn er gestorben ist, könnte er auch von einem palästinensischen Polizisten erschossen worden sein, der direkt auf ihn zielte. Laut Schahaf war der Zweck der ganzen Übung, ein Kind den Märtyrertod sterben zu lassen – in korrekter Vorwegnahme des Schadens, der Israel dadurch in den Augen der Welt, zumal der islamischen, entstehen würde. «Eines Tages wird uns und die Palästinenser Gutes verbinden, aber der Fall Mohammed al-Dura bringt die grossen Flammen zwischen Israel und den Palästinensern und Arabern. Eine grosse Mauer des Hasses. Sie können sagen, das ist der Beweis, der endgültige Beweis, dass israelische Soldaten Kinder töten. Und dieser Hass vernichtet jede Zukunftschance.»

Für den Verdacht, dass die al-Duras, der Kameramann und die zahllosen Zuschauer Teil eines arrangierten Unternehmens waren, gibt es nahe liegende Gründe. Schahaf begründet die Folgerung, die auf seinen Videos basiert, im Wesentlichen mit den vielen Widersprüchen und unbeantworteten Fragen zu den chaotischen Ereignissen jenes Tages. Warum gibt es keine Filmaufnahmen von dem Jungen, nachdem die Kugeln ihn getroffen hatten? Warum sieht es aus, als bewege er sich im Schoss seines Vaters und lege eine Hand über die Augen, wo er doch angeblich tot ist? Warum trägt ein palästinensischer Polizist einen geheimdienstmässigen Ohrhörer? Warum taucht ein gestikulierender Palästinenser auf, der so aussieht, als «dirigiere» er eine Bühnenszene? Warum findet das Begräbnis (nach der Länge der Schatten zu urteilen) vor den tödlichen Schüssen statt? Warum ist, kurz nach den Schüssen, kein Blut auf dem Hemd des Vaters? Warum ruft eine Stimme, die möglicherweise dem Kameramann von France 2 gehört, auf Arabisch: «Der Junge ist tot», noch ehe er getroffen wurde? Warum sind sofort Krankenwagen zur Stelle, anscheinend aber nur für die anderen, nicht für Mohammed al-Dura?


«Wurde Mohammed tatsächlich getötet?»

Einige israelische und ausländische Kommentatoren haben sich Schahafs Ermittlungen angeschlossen. Amnon Lord, Mitarbeiter der Zeitschrift Makor Rishon, verwies auf einen deutschen Dokumentarfilm von Esther Schapira, der von Schahafs Schlussfolgerungen ausgeht und in dem festgestellt wird, dass «Mohammed al-Dura an der Kreuzung bei Netzarim nicht von israelischen Soldaten getötet wurde». Lord weiter: «Vielmehr haben die Palästinenser, in Zusammenarbeit mit ausländischen Journalisten und den Vereinten Nationen, seinen Tod geschickt arrangiert und inszeniert.» Im März erschien in Frankreich Gérard Hubers Untersuchung «Contre-expertise d’une mise en scène». Auch er vertritt die Ansicht, dass der ganze Zwischenfall inszeniert gewesen war. Huber war, wie er mir schrieb, schon früh klar geworden, dass «die Bilder des kleinen Mohammed Teil des grossen Bilderkriegs zwischen Palästinensern und Israelis sind». Dass es sich um eine «Fiktion» handle, habe er sich aber erst nach der Begegnung mit Schahaf vorstellen können. «Die Frage: Wer hat den kleinen Mohammed erschossen?», so Huber, «soll von der eigentlichen Frage ablenken, nämlich: Wurde der kleine Mohammed tatsächlich getötet?»

Die Wahrheit in wird wohl nie herausgefunden werden. Um es genauer zu sagen, es wird nie eine Wahrheit herausgefunden werden, die allen Beteiligten glaubwürdig erscheint. Für den grössten Teil der arabischen Welt ist der Fall klar: Ein unschuldiger Junge wurde ermordet, sein Blut klebt an Israels Händen. Hinweise auf die widersprüchliche Beweislage oder anders lautende Hypothesen bestätigen nur die grenzenlose Verlogenheit der Schuldigen – mit den Holocaust-Leugnern in der westlichen Welt verhält es sich ähnlich. Für die paar Leute, die Beweise eines inszenierten Ereignisses zusammentragen, ist die Wahrheit ebenfalls klar, auch ohne eindeutige Beweise. Nahum Schahaf verlor seine gute Laune erst, als ich ihn fragte, wie er sich den merkwürdigen Zeitpunkt des Begräbnisses von Mohammed al-Dura erkläre oder die widersprüchlichen Zeugenaussagen oder all die anderen offenen Fragen. «Ich weiss es eben!», sagte er mehrmals. «Ich bin Physiker. Ich stütze mich auf das Beweismaterial.» Esther Schapira hatte mit ihm zusammengearbeitet und in ihrem Film dann seine «Minimalversion» des Falles übernommen – nämlich, dass die Schüsse nicht von dem israelischen Armeeposten gekommen sein können. Dass sie nicht seine Maximalversion (alles war inszeniert) übernahm und ihm riet, nicht von einem arrangierten Ereignis zu reden, solange er weder einen lebenden Jungen noch einen aussagebereiten Augenzeugen beibringen könne, enttäuschte Schahaf, aber er hielt trotzdem grosse Stücke auf sie und meinte, dass er nicht entmutigt sei. «Ich bin erst zweieinhalb Jahre dabei», sagte er. «In der Dreyfus-Affäre kam die Wahrheit erst nach zwölf Jahren ans Licht.»

Für alle anderen, die von Mohammed al-Dura wissen, sich aber keinem der beiden Lager der absolut Überzeugten zuordnen (die Araber, die genau wissen, was passiert ist, die Rechtsextremen, die das ebenfalls genau wissen), wird der Fall weiterhin in jenem Bereich des letztlich Unaufklärbaren liegen. «Vielleicht haben ihn die Schüsse zufällig getroffen», meinte Gabriel Weimann nach der Lektüre des Abschlussberichts seiner Studenten, der, wie der deutsche Dokumentarfilm, die Minimalversion stützt – die israelischen Soldaten können den Jungen nicht erschossen haben. (Den Bericht wollte Weimann mir – aus Gründen der akademischen Vertraulichkeit – nicht zeigen.) «Vielleicht wurde es sogar inszeniert – aber ich kann mir nicht einmal bei meinem schlimmsten Feind vorstellen, dass er so unmenschlich ist und aus Gründen der politischen Propaganda einen kleinen Jungen erschiesst.» Weimann hat sich zuletzt mit der Frage beschäftigt, wie das Fernsehen die Realität verzerrt, indem es Ereignisse, die sich locker oder gar nur zufällig aufeinander beziehen, in einen Zusammenhang bringt, den der Zuschauer für schlüssig hält. Der Kontrast zwischen den verwirrenden, widersprüchlichen Rohaufnahmen des Vorfalls bei Netzarim und der klaren, packenden Story in den Abendnachrichten, die aus diesen Rohaufnahmen zusammengeschnitten wurde, ist für Weimann ein hervorragendes Beispiel.

In arabischen und islamischen Ländern hat die verbreitete Ansicht, dass der Junge von israelischen Soldaten getötet wurde, politische Konsequenzen. Das gilt ebenso für die Auffassung einiger Israelis und Zionisten, dass die Palästinenser vor nichts zurückschrecken, um sie zu verunglimpfen. Natürlich sind diese Ansichten nicht ursächlich für die Spannungen in Nahost verantwortlich. Weitaus grössere Hindernisse sind die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten und der palästinensische Terror. Ohne die Siedlung, die von israelischen Soldaten geschützt werden muss, hätte es die Konfrontation an der Kreuzung bei Netzarim oder die Bilder des toten Mohammed al-Dura nie gegeben.


Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

The Atlantic Monthly



Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 18.07.2003, 14:08   #64
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting



Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 18.07.2003, 14:10   #65
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

Wem der deutsche Text zu Mohammed Al-Doha nicht ausreicht, dem bietet Google ca. 3600 Suchergebnisse - bitte selbst schauen

http://www.google.de/search?q=Moham...F-8&sa=N&tab=iw
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 21.07.2003, 19:18   #66
Tabea
stock-channel.net trader
 
Benutzerbild von Tabea
 
Registrierungsdatum: Dec 2002
Beiträge: 3.271
Smile Bestimmt interessant

Mo, 21.07.03, 21.00 Uhr, Phönix

Ein Reporter in der Pariser Terrorszene

Mohamed Sifaoui , ein algerischer Journalist in Paris, gibt sich als militanter islamischer Fundamentalist aus und gelangt in den Kern des Al Quaida-Netzwerks in Paris.

Er erkundet, wie falsche Papiere und Kreditkarten beschafft werden, er entdeckt Planungen für Aktionen in den Ländern der "Ungläubigen", er zeigt in seinem Film, wie Nachwuchs rekrutiert wird und legt die Befehlsstrukturen der Bin Laden Anhänger in Westeuropa offen.

Mohamed Sifaoui riskiert mit diesem Film sein Leben und hält sich seit der Ausstrahlung im französischen Fernsehen versteckt.


Mohamed Sifaoui

Geändert von Tabea (21.07.2003 um 19:19 Uhr).
Tabea ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Tabea die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 22.07.2003, 00:12   #67
carlo
SCN Pensionär
 
Registrierungsdatum: Jun 2002
Beiträge: 4.075
Posting

@ Tabea & ibykus,


ich denke, daß bezüglich des Themas, Euren Informationen gegenüber, viel zu wenig Sensitivität in good old Germany besteht, die Gesellschaft verfettet sprichwörtlich und beschäftigt sich eher mit Naddels und Veronas Problemzonen, als mit denen im Nahen Osten.

Wer einmal dort gewesen ist, wer die religiös motivierte und vielfach zelebrierte Leidenschaft zum Schicksal der Araber im Guten wie im Bösen, auf der anderen Seite die Entschlossenheit und historisch bedingte, mentale Stärke der Israelis kennenlernte, kann ungefähr abschätzen, wie schwierig und fast unmöglich es erscheint, dem westeuropäisch geprägten Auge der Beurteilung im Nachhinein ein schlüssiges Bild der Geschehnisse zu vermitteln. Zu sehr wird von arabischer Seite auf haßgeprägte, emotionale Ausbrüche gegen die verhaßten Zionisten gewettet, zu sehr besteht bei israelischen Offiziellen die Neigung, "unliebsame" Vorgänge in der Schublade "Kollateralschäden" abzulegen.

Wer oder was den Tod von Mohammed verursacht, und ob er überhaupt zu Tode kam, vermag ich nicht zu beurteilen. Mit der Übernahme der Verantwortung durch die israelische Seite trotz etlicher Zweifel, glaube ich, wurde zumindest ein Zeichen gesetzt, was den palästinensischen Jungen aber nicht wieder lebendig machte, wenn er denn gestorben sein sollte.

Meiner Meinung nach zeigt diese traurige Geschichte aber auch,
daß eine Beurteilung nach Bildern, Videos und Zeugenaussagen in der Welt der Fotomontage, Trickfotografie und Korruption fragwürdig bleibt, die Konzentration auf wissenschaftliche und beweissichere Verfahren erscheint unerläßlicher denn je, auch, wenn für die eine oder andere Glaubensgemeinschaft nicht das "richtige" Ergebnis herausspringen mag. Kriminaltechniker und Pathologen sind heute in der Lage, den Todeszeitpunkt eines Menschen auf ca. 15 Minuten genau festzulegen, im Starnberger See läßt sich inzwischen die Menge eines einzigen Stück Zuckers nachweisen, der genetische Fingerabdruck ermöglicht die Identifizierung eines menschlichen Individuums mit 99,9%iger Sicherheit - dagegen wirken Glaube an das Schicksal und den auserwählten Gott in der Beweisführung etwas wacklig.

Nicht zu vergessen wäre auch,
daß Terrororganisationen wie HAMAS etc., deren Fahne wie selbstverständlich am südlibanesischen Strand weht, als größte Geldgeber in der Region die daran geknüpfte, emotionale Zuwendung schamlos ausnutzen, um selbst 10-12 jährigen Kindern einzuimpfen, daß Juden keine Menschen sind, den Islam zerstören wollen und folglich, einige Suren aus dem Koran predigend, bedingungslos vernichtet werden müssen, wobei Allah den Einsatz menschlichen Lebens mit dem Eintritt ins Paradies vergälte. So werden aus unbedarften Kindern Kampfmaschinen, die sich mit 18 in einem israelische Bus in die Luft jagen, und die Hinterbliebenen feiern das, Süßigkeiten verteilend, weil der Märtyrertod mehr gilt, als der Verlust des eigenen Kindes...

Immer schwieriger erscheint die reale Beurteilung der Lage, immerzu melden sich irgendwelche bekannte oder selbsternannte "Enthüllungsjournalisten" in Wort und Bild, um ihrer scheinbar objektiven Meinung anhand von stümperhaft und eher vorbestimmter Richtung zuzuordnenden, aussagekräftigen Indizien Beweiskraft zu verleihen. Der mitteleuropäisch geprägte Zeitungsleser, der nicht einmal weiß, daß seine Steuergelder palästinensische Schulbücher und Landkarten finanzieren, in denen Israel erst gar nicht vorkommt, beruft sich auf das Recht des Schwächeren, die Israelis wiederum auf ihre Geschichte, und alle haben irgendwo recht.

Am Ende ist es doch so,
daß Juden wie Araber in der Region schon vor 2000 Jahren friedlich miteinander leben konnten, ohne sich gegenseitig mit Mord und Totschlag zu überziehen. Israel braucht seine arabischstämmige Bevölkerung genauso, wie Palästinenser die israelische Arbeitserlaubnis benötigen, um ihre Familien zu ernähren, die durch Arafats Intifada in sinnlosen Kampf und mystisches Sterben getrieben worden sind, als in Lohn und Brot, Frieden und Wohlstand.

Sollte man sich dieser Maxime erinnern,
könnte man sich in Zukunft an arabischen Familienfesten wieder genauso erfreuen wie an israelischen, und das wär´doch schon mal ´was...


Sorry, ibykus, wenn ich etwas abschweifte, ist halt eine Herzenssache...
__________________
Grüße an alle!
Carlo

Geändert von carlo (22.07.2003 um 00:26 Uhr).
carlo ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser carlo die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 22.07.2003, 00:19   #68
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

carlo ,

jetzt weiß ich, was ich hier im Board vermisst habe :
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 22.07.2003, 00:22   #69
carlo
SCN Pensionär
 
Registrierungsdatum: Jun 2002
Beiträge: 4.075
Posting

__________________
Grüße an alle!
Carlo
carlo ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser carlo die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 27.07.2003, 21:58   #70
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

9/11: "Chancen verpasst, die Verschwörung zu verhindern"

900 Seiten langer Kongressbericht wirft CIA und FBI schwere Versäumnisse vor


Der US-Geheimdienst CIA und die Bundespolizei FBI haben sich nach Experten-Einschätzung schwere Fehler und Versäumnisse im Vorfeld der Anschläge vom 11. September 2001 zu Schulden kommen lassen. Einen unwiderlegbaren Beweis, dass die Anschläge mit entführten Passagierflugzeugen allerdings noch hätten verhindert werden können, enthielt der am Donnerstag im US-Kongress vorgelegte Experten-Bericht aber nicht.

Die Geheimdienste und Sicherheitsorgane hätten Chancen verpasst, die Verschwörung aufzudecken, hieß es in dem 900 Seiten langen Bericht. Sie hätten eine Reihe von Informationen nicht zusammengeführt, was die Chancen erhöht haben würde, die Anschlagspläne des Moslem-Extremisten Osama bin Laden und seiner El Kaida zu vereiteln.

Unter Geheimhaltung blieben bis auf eine Seite in dem Bericht jedoch die Abschnitte, in denen es um die Frage geht, ob die Attentäter Unterstützung von Saudi-Arabien erhielten.

Aus Kongress-Kreisen verlautete, man sei nicht zu dem Schluss gekommen, dass einige Personen, die mit zwei der Luftpiraten in San Diego Kontakt gehabt hätten, im Namen der saudiarabischen Regierung gehandelt hätten. Allerdings müsse dies noch genauer untersucht werden. Auf der von der Zensur freigegebenen Seite hieß es, die Ermittlungen hätten Hinweise ergeben, dass einige der Luftpiraten während ihres Aufenthaltes in den USA Unterstützung aus dem Ausland erhalten hätten.

Weiter hieß es in dem Bericht, US-Regierungsbeamte hätten sich vor dem 11. September darüber beklagt, dass Saudi-Arabien unkooperativ in Fragen der Terrorismusbekämpfung und in Bezug auf Bin Laden gewesen sei. Ein hochrangiger Regierungsbeamter habe auf eine entsprechende Frage geantwortet, bei besserer Kooperation von Seiten Saudi-Arabiens wären die Anschläge möglicherweise zu verhindern gewesen. Im Mai 2001 bereits habe die US-Regierung erfahren, dass eine Person in Saudi-Arabien in Kontakt mit einem Anführer aus der El Kaida Bin Ladens gestanden und eine Operation der Gruppe bevor gestanden habe. 15 der 19 September-Attentäter stammten aus Saudi-Arabien.

Bei den Anschlägen mit gekaperten Flugzeugen auf das World Trade Center in New York und das US-Verteidigungsministerium bei Washington waren rund 3000 Menschen getötet worden. Die USA machen El Kaida und Bin Laden für die Taten verantwortlich.

Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 27.07.2003, 22:28   #71
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

DIE MÄCHTE IM HINTERGRUND - ZUR FUNKTION VON VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN

Seit der Ära des Internets und vor allem seit dem WTC-Attentat vom 11.09.2001 stellen Verschwörungstheorien ein Phänomen von zunehmender gesellschaftlicher Bedeutung dar. Als Beispiel sei hier nur die Hypothese genannt, bei den Anschlägen auf das World Trade Center hätte es sich um eine Inszenierung der US-Regierung gehandelt, mit dem Ziel, damit die Voraussetzung für eine Reihe von Maßnahmen zur Vergrößerung des globalen Einflusses einer bestimmten amerikanischen Machtclique zu schaffen.

Ich möchte auf die Details derartiger Behauptungen nicht im einzelnen eingehen. Verschwörungstheorien, wie sie beispielsweise auch in dem zum Bestseller gewordenen Buch von Mathias Bröckers enthalten sind, zählen eine Fülle von Sachbelegen auf, die allesamt im einzelnen überprüft und ggf. akribisch widerlegt werden müßten — was nicht in meiner Möglichkeit steht. Oder genauer: Bestimmte Kombinationen von speziell selektierten Fakten können so arrangiert werden, daß sie den jeweils gewünschten Eindruck erwecken; man müßte dann diese Kombinationen anderen Kombinationen gegenüberstellen und die Wahrscheinlichkeit unvoreingenommen gegeneinander abwägen. — Mir geht es hier jedoch um etwas anderes und ich bin sogar überzeugt, daß bereits schon die von mir im folgenden angestellten Überlegungen plausibel machen können, weshalb es falsch wäre, auf diese Art von Theorien hereinzufallen — auch wenn es sicher hier und da reale Verschwörungen gegeben haben mag. (Wen mehr die sachlich ausdiskutierte Seite interessiert, der kann sich z.B. an diesen Beitrag im Internetmagazin ZNet halten.)

Im Grunde ist es gar nicht so kompliziert. Die Hauptannahme hinter den Verschwörungstheorien besteht darin, daß vom Vorhandensein einer überragenden Intelligenz ausgegangen wird, die im Verborgenen agiert. Diese Art des Denkens kommt dem Selbstbild des sich selbst homo sapiens nennenden Wesens entgegen, das auf der grundlegenden Vorstellung basiert, daß sich sein Verhalten in erster Linie an Vernunftzusammenhängen orientiert.

Mit anderen Worten: Der gängige Weg, mit dem sich der Mensch heute in einer komplexen und verwirrenden Wirklichkeit zurechtzufinden sucht, führt mehr denn je über die Ratio. Haben sich erst einmal rationale Erklärungen gefunden, so scheint man das Problem gelöst zu haben.

Verschwörungstheorien stellen den Versuch einer alternativen Erklärungssystematik dar, und zwar wird versucht, hinter die Kulissen der üblichen Standard- und Normdenkweise zu blicken, einer Denkweise, der — aus gutem Grund — kein Vertrauen mehr geschenkt wird. Es werden also ganz andere Zusammenhänge gewittert. Da mag dann sogar von finsteren Dunkelmännern, heimlichen Querverbindungen, Illuminaten, esoterischem Geheimwissen, Zahlenmagie der Kabbala usw. die Rede sein.

Aber auch das ist wieder nur dasselbe vom Gleichen: Es handelt sich ebenfalls wieder nur um beruhigende Erklärungen für den Verstand. Der Verstand meint, mit diesen komplexen Erläuterungen endlich ein logisches Muster erkennen zu können, dem die konkreten Begebenheiten gefolgt sind.

Nur daß es diese überragende Intelligenz gar nicht gibt! Die wirklichen Motive und Auslöser sind viel simpler, viel primitiver, viel ernüchternder. Der Mensch steht einfach jener einen Tatsache ratlos und hilflos gegenüber, daß die meisten Veränderungen durch menschliche Beschränktheit, Dummheit und Borniertheit bewirkt sind. Nicht Intelligenz steuert, was geschieht, sondern wir haben es in der Regel mit stumpfen, hohlen Reaktionen zu tun, die aus irgendwelchen alten geistigen Schablonen und aus billigen, unreflektiert tradierten Klischees gespeist sind.

Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft hin zur hochbewaffneten Zivilisation. Blanke Angst, man könnte auch sagen Feigheit, ist der wahre Grund für den bereitwilligen Zugriff zu und das laxe Handhaben von Tötungsinstrumenten. Gäbe es wirklich eine höhere Intelligenz, die zum Ziel hätte, dem Projekt einer langfristigen Steuerung von hochkomplexen globalen Zusammenhängen zuzuarbeiten, dann würde diese Intelligenz sicher unter völlig anderen Kategorien denken als denen des vordergründigen Profits und der primitiven Herrschaftsausübung.

Was wir in Wahrheit sehen, sind kleine, mit Minderwertigkeitskomplexen behaftete Menschlein und deren Egos. Summiert man deren Antriebe (die ihnen selbst, wie gesagt, völlig unbewußt sind), so gelangt man zu den Tendenzen und Strömungen, die Weltgeschichte geschrieben haben und leider immer noch schreiben.

Wenn also von den Mächten im Hintergrund gesprochen wird, so wäre es bereits sehr schmeichelhaft für die Menschheit, wenn es sich dabei tatsächlich um so etwas wie Geheimgesellschaften, jüdische Eliteschulen der Ostküste, Illuminaten oder hartgesottene Ku-Klux-Klan-Akteure handelte — wo es sich doch in Wirklichkeit um so primitive, sonst eher bei Tieren vermutete Instinkte wie Besitzgier, Eitelkeit, Unfähigkeit zum Umdenken, Reaktionsverlangsamung aufgrund überkomplizierter Denkweisen und sehr oft einfach nur um Lähmung durch Routinegewohnheiten handelt!

Der Zweck solcher Erklärungsmodelle ist also Beschönigung. Dem Verstand wird etwas vorgegaukelt, worauf er herumkauen kann, und dann muß er nicht mehr an dem zweifeln, was näher liegt als alle Theorien: an der eigenen Vernünftigkeit und am naiven Vertrauen darauf, sowie an der Vernünftigkeit der Menschheit insgesamt und am genau so treuherzigen wie arroganten Glauben daran.

Würde nämlich langsam damit begonnen, zu erkennen, welche Rolle einfachste Instinkte und Emotionen nicht nur im privaten Bereich, sondern erst recht im globalen Maßstab, in Weltpolitik und Machtpolitik, spielen, dann käme sich wohl jeder erst recht verunsichert vor. Dann könnte sich nämlich der Eindruck aufdrängen und langsam, aber sicher verstärken, wir säßen allesamt wie Narren in einem Zug, der unkontrolliert ins dunkle Nirgendwo brauste.

Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 27.07.2003, 23:37   #72
Tabea
stock-channel.net trader
 
Benutzerbild von Tabea
 
Registrierungsdatum: Dec 2002
Beiträge: 3.271
Posting

Zitat:
Würde nämlich langsam damit begonnen, zu erkennen, welche Rolle einfachste Instinkte und Emotionen nicht nur im privaten Bereich, sondern erst recht im globalen Maßstab, in Weltpolitik und Machtpolitik, spielen, dann käme sich wohl jeder erst recht verunsichert vor. Dann könnte sich nämlich der Eindruck aufdrängen und langsam, aber sicher verstärken, wir säßen allesamt wie Narren in einem Zug, der unkontrolliert ins dunkle Nirgendwo brauste.


Genau darüber denke ich schon eine ganze Weile nach Iby ...
Und ich komme mir so verdammt verar.... vor und hilflos und machtlos,
als kleines von Machtgierigen beherrschtes atomares Teil auf diesem Planeten ...
Z.B. das gern und allerseits benutzte Wort "Demokratie", das ist doch nur noch ein Hohn ... ... Ich denke, du verstehst
Tabea ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Tabea die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 28.07.2003, 00:16   #73
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

Kernaussagen des Kongressberichts zu 9/11

Der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses kommt in seinem am Donnerstag veröffentlichten Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass die US-Sicherheitsdienste "Gelegenheiten versäumt (hätten), den Plan für den 11. September zu vereiteln". Passagen, in denen es laut Medienberichten um die Rolle Saudiarabiens bei der Finanzierung der Terroristen geht, wurden für die Öffentlichkeit gesperrt. AFP dokumentiert Kernaussagen des Berichts:

Bereits seit 1994 war den Geheimdiensten bekannt, dass Terroristen Anschläge mit Flugzeugen planten. Dennoch wurden die Puzzleteile von den Experten des Geheimdienstes CIA, der National Security Agency (NSA) und der Bundespolizei FBI nicht zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Die "kollektive Bedeutung" der sehr umfangreichen Informationen wurde wegen der "ungenügenden Zusammenarbeit" verkannt: "Zusammengenommen verschlimmerten diese Probleme die Verwundbarkeit der Nation erheblich."

Das Zusammenspiel der Dienste war weder "gut organisiert", noch waren die Dienste "gut ausgerüstet". Gravierende Fehler wurden im Fall der beiden Hijacker Khalid Almihdhar und Nawaf Alhazmi gemacht. Die CIA hatte schon vor Einreise der Männer Hinweise, dass die beiden mit El Kaida in Verbindung stünden, sie aber nicht auf die Überwachungsliste gesetzt. Das FBI-Büro im kalifornischen San Diego, wo sich die beiden Männer niederließen, wurde von der CIA nicht unterrichtet.

Am 10. Juli 2001 informierte das FBI-Büro in Phoenix im US-Staat Arizona die Zentrale in Washington darüber, dass Al-Kaida-Chef Osama bin Laden Studenten zum Flugtraining in die USA schicke. In der Zentrale stieß diese Information auf "wenig oder gar kein Interesse". Das FBI "veranlasste nicht die angeforderten Schritte".

Weniger als einen Monat vor dem 11. September gab das FBI-Büro in Minneapolis im US-Staat Minnesota bekannt, dass Zacarias Moussaoui festgenommen sei. Die US-Justiz beschuldigt Moussaoui, an Vorbereitungen zu weiteren Anschlägen im Zusammenhang mit dem 11. September beteiligt gewesen zu sein. Niemand stellte die Festnahme in Zusammenhang mit der Warnung aus Phoenix.

Die Analysen der Dienste waren von sehr unterschiedlicher Qualität. Zahlreiche Fachleute waren "unerfahren, ungeeignet und schlecht ausgebildet". Sie hatten keinen Zugang zu wichtigen Informationen. Nicht einmal Übersetzer und Fachleute für verschlüsselte Botschaften standen in ausreichender Zahl zur Verfügung.

Die Attacken wurden zu großen Teilen aus dem Ausland finanziert. Eine koordinierte Gegenstrategie, um die Finanzquellen der Terroristen und trockenzulegen und ihre Unterstützernetzwerke auszuheben, gab es nicht.

Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 28.07.2003, 00:18   #74
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

Empörung nach US-Kongressbericht: Saudis sauer auf USA

Dass saudi-Arabische Königshaus ist sauer auf die USA. Durch den Kongress-Bericht zu den Anschlägen von 11. September fühlt man sich dort zu Unrecht an den Pranger gestellt.


"Es ist bedauerlich, dass es Leute gibt, die seit den tragischen Ereignissen des 11. September versuchen, unser Land, unser Volk und unseren Glauben in ein schlechtes Licht zu rücken, indem sie grundlose Vorwürfe, Gerüchte, Halbwahrheiten und Falschaussagen verbreiten", zitierte die saudische Zeitung "ArabNews" am Freitag den Botschafter Saudi-Arabiens in Washington, Prinz Bandar Ibn Sultan.

Die Führung des Königreichs habe weder Verbindungen zu den Flugzeugattentätern oder dem Terrornetzwerk El Kaida von Osama bin Laden gehabt, noch habe sie sich bei der Fahndung nach den Terroristen quer gestellt, betonte Prinz Bandar.

In dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht des US-Kongresses heißt es unter anderem: "Nach Angaben eines US-Regierungsbeamten war es seit etwa 1996 klar, dass die saudische Regierung bei Fragen, die Osama bin Laden betreffen, nicht mit den USA zusammenarbeiten würde".

Prinz Bandar beklagte außerdem, dass in dem Bericht die Terrorvorwürfe gegen früher einen in den USA ansässigen Bürger wiederholt wurden, der nach seinen Angaben bereits von den US- Fahndern befragt und für unschuldig erklärt wurde. Die Ehefrau des Botschafters, Prinzessin Hafa el Faisal, war zu Beginn der Ermittlungen zum 11. September selbst wegen wohltätiger Zahlungen an saudische Bürger, die den Flugzeugattentätern nahe standen, ins Visier der Fahnder geraten.

Der US-Kongress hatte dem Geheimdienst CIA und dem Bundeskriminalamt FBI in seinem Bericht schwere Fehler im Vorfeld der Anschläge von New York und Washington vorgeworfen. Abgeordnete der Demokraten kritisierten außerdem, es gebe zu viele Lücken in dem Bericht, unter anderem zum Thema Saudi-Arabien.

Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Alt 15.08.2003, 12:21   #75
Ibykus
SCN-Ehrenmitglied
 
Benutzerbild von Ibykus
 
Registrierungsdatum: Jan 2002
Beiträge: 13.065
Posting

„So werden wir den Irren los!“

Wie der amerikanische Geheimdienst CIA vor 50 Jahren den iranischen Premierminister Mohammed Mossadegh stürzte und das Schah-Regime installierte

Von Jürgen Martschukat



Ich verdanke meinen Thron dem lieben Gott, meinem Volk, meiner Armee – und Ihnen!“ Als Schah Reza Pahlevi am 22. August 1953 nach wenigen Tagen Exil aus dem Irak nach Teheran zurückkehrte, hatte er allen Grund, dem amerikanischen Agenten Kermit Roosevelt mehr zu danken als den Iranern. Bei dem CIA-Mann waren in den Wirren der zurückliegenden acht Tage alle Fäden zusammengelaufen. Er war es gewesen, der den Sturz des iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh koordiniert, General Fazlollah Zahedi an die politische Spitze gebracht und den Schah zum starken Mann im Land erhoben hatte.

Die „Operation Ajax“ war der erste CIA-Coup dieser Art in der Geschichte. Durch den Austausch politischer Führungsfiguren sollte das Ende einer über zwei Jahre währenden Krise herbeigeführt werden, die sich im Dreieck Teheran – London – Washington um das iranische Öl entsponnen hatte. Die größte Furcht der Amerikaner war hierbei, dass durch diese Krise der Kommunismus im Nahen Osten Fuß fassen könnte.

Wie war es dazu gekommen? Seit seinen Anfängen im Jahr 1901 lag das iranische Ölgeschäft fest in britischer Hand. Nach einigen Jahren arbeitete die Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) mit großem Erfolg und hohen Profiten. Der englische Staat besaß 51 Prozent der Anteile, die Raffinerie in Abadan am Persischen Golf wurde zur größten Raffinerie der Welt und zur wichtigsten britischen Investition in Übersee. Zwar war der Iran nie königliche Kolonie, gehörte aber dennoch fest zum „informellen Imperium“.

Während das Geschäft mit dem Öl boomte und AIOC und britische Regierung Millionen Pfund einstrichen, zog der Iran kaum Gewinn aus seinen Bodenschätzen. So übertrafen etwa die Einnahmen des britischen Konzerns allein aus dem Jahr 1950 die Tantiemen, die der Iran seit Beginn der Ölförderung in seinem Land insgesamt erhalten hatte. In der Abneigung gegen die europäischen Ausbeuter ihrer Bodenschätze waren sich die ansonsten recht dispersen gesellschaftlichen und politischen Kräfte im Iran einig. Im Herbst 1947 beschloss das iranische Parlament daher, mit den Briten einen neuen Vertrag zu verbesserten Konditionen zu verlangen, obschon der bestehende noch bis 1993 gültig gewesen wäre.

Es waren weltpolitisch bedeutsame Jahre. Eine globale antikoloniale Bewegung nahm das Versprechen der anglo-amerikanischen Allianz ernst, weiterhin, auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, für Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung aller Länder zu kämpfen. Allerdings: Die Briten hatten damit ihr eigenes Empire infrage gestellt. Zudem konnte nach 1945 kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Erdöl die bedeutendste Ressource der Gegenwart und Zukunft war. Der Verbrauch stieg enorm an, auch in Friedenszeiten. Und sollte es tatsächlich einen neuerlichen Krieg geben, würden die Vereinigten Staaten nicht noch einmal den Löwenanteil der Ölversorgung aus den eigenen Quellen übernehmen können. Die Zukunft des Öls lag eindeutig im Nahen Osten: Die dortigen Reserven waren wesentlich größer und die Förderkosten deutlich niedriger als an irgendeinem anderen Ort der Welt.

Zudem war die Nachkriegszeit vom beginnenden Kalten Krieg und einer wachsenden Angst der USA vor einer Ausbreitung des Kommunismus geprägt. Im Iran als strategisch bedeutsamem Brückenkopf zwischen Europa, Asien und Afrika fürchteten sie ein Machtvakuum, das die UdSSR nur zu gern füllen würde. Schließlich hatten die Sowjets dort ihre Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg nur widerwillig abgezogen und außerdem um eine Ölkonzession im Norden des Landes gekämpft. In den Augen amerikanischer Experten hätte der Verlust des Irans die gesamte Region gefährdet, so wie – in den Worten des späteren Außenministers Dean Acheson – „ein einziger fauler Apfel ein ganzes Fass verdarb“.

Ende 1949 gaben die kommunistische Revolution in China und der erfolgreiche erste Atombombentest der UdSSR den amerikanischen Befürchtungen weitere Nahrung. Im Frühjahr 1950 forderte ein neues Strategiepapier des Nationalen Sicherheitsrates, die USA müssten überall auf der Welt unmittelbar auf eine kommunistische Bedrohung reagieren können. Der Kalte Krieg war nun allgegenwärtig und verlangte ungewöhnliche Maßnahmen.

Als Iraner und Briten im Frühjahr 1948 die Verhandlungen über eine neue Ölkonzession begannen, zeigte sich bald, dass eine Übereinkunft kaum zu erzielen war. Mit der Arroganz von Kolonialherren demonstrierten die Briten, dass eine klare Teilung der Profite, wie von den Iranern gefordert, für sie nicht akzeptabel war. Die amerikanischen Beobachter standen dieser imperialen Attitüde ablehnend gegenüber, ja, die iranischen Forderungen stießen in Washington durchaus auf Zustimmung. So handelte der US-amerikanische Konzern Aramco im Laufe des Jahres 1950 eine beispielgebende Profitteilung mit Saudi-Arabien aus. Grundsätzlich sahen die USA in der wirtschaftlichen und sozialen Stärkung des Irans den besten und einfachsten Weg, das Land gegen Moskaus Einflussnahme zu wappnen. Und was lag hier näher, als dass der Iran endlich angemessene Einnahmen aus seinem Erdöl bekam? Andererseits war es grundsätzlich angeraten, Großbritannien zu unterstützen. Trotz seiner ökonomischen und politischen Schwäche war London immer noch der wichtigste Partner der USA im Kalten Krieg, und der Nahe Osten galt traditionell als britische Einflusszone.


Trotz des Drängens aus London will Truman keinen Militärschlag

Gegen Ende 1950 mehrten sich die warnenden Stimmen aus dem State Department und dem diplomatischen Corps: Man müsse den Freunden in London „in ihrem imperialen Sonnenuntergang“ klar machen, dass es im Iran um mehr ging als um das britische Ölgeschäft. Die Angelegenheit sei Teil eines schwierigen Konfliktes von weltpolitischer Bedeutung. Wenn sich die britische Verhandlungsführung nicht grundlegend ändere, dann sei eine Nationalisierung der Ölindustrie durch die Iraner und somit der völlige Verlust der britischen Position nicht mehr abzuwenden. So geschah es denn auch im Frühjahr 1951: Das Parlament in Teheran löste am 20. März den Vertrag mit der AIOC, nationalisierte die Ölindustrie und nahm die Geschäfte selbst in die Hand. „Noch nie zuvor hatten so wenige so viel so dumm und so schnell verloren“, erinnerte sich später US-Außenminister Dean Acheson an Englands diplomatisches Desaster.

Während der folgenden beiden Jahre wurden insgesamt sieben Anläufe genommen, um die Irankrise zu lösen. Die amerikanische Position war ambivalent, folgte dabei aber immer den geopolitischen Imperativen. So erkannten die Amerikaner einerseits ein Recht auf Nationalisierung grundsätzlich an. Höhere Einnahmen aus dem Ölgeschäft würden das Land „stabilisieren“ und unempfindlich machen gegen Moskaus Lockungen und Einflüsterungen. Andererseits mussten Kompensationszahlungen für verlorenes Eigentum und verlorene Rechte geleistet werden – denn machte das iranische Beispiel im Nahen Osten Schule, wäre keine Investition mehr sicher. Deshalb tolerierte die US-Regierung auch den Boykott iranischen Öls, den die AIOC und die britische Regierung initiiert hatten, einen Boykott, der es den Iranern so gut wie unmöglich machte, ihr Öl auf eigene Rechnung zu transportieren und zu verkaufen. Dies war durchaus auch im Sinne der amerikanischen Ölkonzerne, verschärfte aber die eklatante Mangelsituation im Iran.

Dabei zeigte Washington vor allem für den Premier des Irans zunächst deutliche Sympathien. Mohammed Mossadegh, 1882 in Teheran geboren, war gebildet und geistreich, hatte in Europa studiert und eine Weile im politischen Exil verbringen müssen, bevor er im Zuge der Nationalisierungskrise als Premierminister an die Spitze der iranischen Politik vorrückte.

Mossadegh war ein glühender Verfechter der Interessen seines Landes, aber alles andere als ein Kommunist. Seine Verve brachte ihm den Respekt seiner amerikanischen Verhandlungspartner ein. Man verglich ihn mit Benjamin Franklin und dessen diplomatischen Auftritten während der Amerikanischen Revolution; das Time Magazine wählte Mossadegh im Januar 1952 gar zum „Man of the Year“. Trotz seines bisweilen exzentrischen Auftretens – Staatsverhandlungen auf höchster Ebene führte er manchmal im Schlafrock von seinem Bett aus –, durfte der iranische Premierminister nicht unterschätzt werden. Er durchschaute die amerikanischen Ängste und beschwor geschickt die drohende Hinwendung des Irans zum Kommunismus herauf, die auch er nicht mehr aufhalten könne, wenn es nicht zu einer Einigung in der Ölfrage komme. Als Verhandlungspartner war Mossadegh auch deshalb schwierig, weil er als iranischer Nationalist agierte, nicht als Geschäftsmann, wie es die Engländer und Amerikaner erwarteten. So versicherte er etwa dem US-Botschafter im Iran Henry Grady, „dass wir die Unabhängigkeit höher schätzen als alle wirtschaftlichen Vorteile“.

Mit jedem Monat wurde deutlicher, dass die Verhandlungen nichts brachten, und die Enttäuschung wuchs. Zu verhärtet waren die Positionen auf beiden Seiten, zu feindselig war die Stimmung. Die Situation im Land drohte aus dem Ruder zu laufen, und in Washington wuchs die Furcht, dass der Iran zwischen diesen starren Fronten in den „Sog des Kommunismus“ geriete.

Gleichwohl: Eine Invasion im Iran kam für die US-Regierung nie infrage, während die Briten schon mit dem Säbel rasselten und ihre Kriegsschiffe in Position brachten. Doch Londons Buhlen um amerikanische Unterstützung blieb ohne Erfolg – und ohne diese Unterstützung wäre ein militärischer Schritt nicht möglich gewesen. „Glaubten die Briten ernsthaft“, fragte Dean Acheson einige Jahre später in der Rückschau auf die Irankrise, „dass wir die militärische Besatzung eines fremden Landes tolerieren oder gar unterstützen würden?“

Auch eine Geheimdienstaktion, die kooperativere Verhandlungspartner im Iran „installieren“ sollte – die Briten drängten darauf –, kam für Präsident Harry S. Truman und Außenminister Acheson nicht infrage. Doch im Januar 1953 zog der Republikaner Dwight D. Eisenhower als Präsident ins Weiße Haus ein. Eisenhower hatte während des Zweiten Weltkrieges als Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa gut funktionierende Geheimdienste schätzen gelernt. Nun knüpfte er durch seine Personalpolitik ein enges Beziehungs- und Kooperationsnetz zwischen Außenministerium und CIA, um entsprechende Aktionen auch in den Zeiten des Kalten Krieges lancieren zu können.

Indessen erschien vielen Beobachtern die Position Mossadeghs mehr und mehr geschwächt. Radikale Kräfte gewannen offenbar an Einfluss. Nun kristallisierte sich die Ablösung Mossadeghs auch in den Augen der neuen amerikanischen politischen Führungszirkel als praktikabelste verbleibende Möglichkeit heraus, die Irankrise endlich zu beenden. Damit würde erstens eine ganz neue Verhandlungskonstellation geschaffen und zweitens das Land im Sinne der Amerikaner „stabilisiert“.


Der Schah flüchtet in den Irak und wartet auf die Amerikaner

Seit Februar 1953 arbeiteten der britische und der amerikanische Geheimdienst an entsprechenden Plänen, und am 25. Juni präsentierte der CIA-Agent Kermit Roosevelt im Büro des neuen Außenministers John Foster Dulles das fertige Szenario für die Operation Ajax: Unter Leitung Kermit Roosevelts würde die CIA die politische Opposition im Iran weiter anheizen. Gleichzeitig sollte die Unterstützung Schah-treuer Militärs gewonnen werden: General Fazlollah Zahedi wurde von Washington als neuer Premierminister ausgewählt. Vor allem aber musste man Schah Reza Pahlevi überzeugen, von seinem Recht Gebrauch zu machen, Mossadegh per Dekret seines Amtes zu entheben und Zahedi zu ernennen. Darin sah man den schwierigsten Teil der Operation, denn der 33-jährige Schah galt als wenig entscheidungsfreudig und hatte sich bislang damit begnügt, auf dem Pfauenthron eine gute Figur abzugeben. Trotzdem war Roosevelt vom Erfolg seines Plans überzeugt: „So werden wir den Irren Mossadegh los!“

Die Ereignisse der folgenden Wochen, befand Präsident Eisenhower später in seinen Memoiren, „glichen mehr einem Groschenroman als historischen Tatsachen“. Am 19. Juli 1953 reiste Agent Roosevelt unter einem Pseudonym in den Iran ein. Über internationale Kontaktleute sollte zunächst der Schah für die Aktion gewonnen werden. Roosevelt ließ sich auf abenteuerlichen Wegen mehrmals in den königlichen Palast hinein schmuggeln, um Reza Pahlevi unter vier Augen zu sprechen. Der Schah willigte schließlich ein, einen neuen Premierminister zu ernennen, wenn ihm Präsident Eisenhower sowie Premierminister Winston Churchill ihre volle Unterstützung zusagten. Am 15.August 1953 unterzeichnete der Schah endlich die Dekrete.

Doch Mossadegh hatte von dem geplanten Coup Wind bekommen und seinerseits ihm getreue Militärs mobilisiert, um die Übergabe des Entlassungsdekretes zu verhindern. Der Schah wurde nervös – und floh nach Bagdad; der zum neuen Premierminister erkorene Zahedi zog sich in ein CIA-Versteck zurück. Roosevelt ging neuerlich in die Offensive und ließ die Dekrete des Schahs öffentlich verbreiten. Doch auf den Straßen Teherans fand sich keine Unterstützung für Reza Pahlevi. Stattdessen erntete man Hohn und Zorn, Standbilder wurden zerstört, und vor allem der kommunistischen Tudeh-Partei schienen neue Kräfte zuzuwachsen. Allerdings handelte es sich bei den vermeintlichen Tudeh-Aktivisten zum Teil um Agents provocateurs, die von der CIA angeheuert worden waren, um eine Gegenreaktion Schah-treuer Kräfte zu provozieren.

Am Ende mussten es die Amerikaner selbst machen: Für den nächsten Tag, den 19. August 1953, mobilisierte die CIA einen Demonstrationszug gegen Mossadegh vom Teheraner Bazar zur Innenstadt. Polizei und Militär schlossen sich dem Zug an, ebenso mehr und mehr Zivilisten, die den Ausschreitungen der vorangegangenen Tage entgegentreten wollten. Die Stimmung in Teheran kippte, Anhänger des Schahs und Fazlollah Zahedis nahmen die Radiostation ein und verkündeten die Ablösung Mossadeghs als Premierminister. Zugleich rollte Zahedi, von Gefolgsleuten umgeben, in einem Panzer auf Mossadeghs Haus zu. Bei der mehrstündigen Schlacht, die nun entbrannte, kamen etwa dreihundert Menschen ums Leben. Mossadegh konnte zwar noch einmal fliehen, stellte sich aber am folgenden Tag. Nun kehrte auch der Schah nach Teheran zurück.

Kermit Roosevelt hatte seine Aufgabe erfüllt. In den Tagen nach dem Machtwechsel in Teheran verhaftete die Polizei beinahe 2000 Mitglieder der Tudeh-Partei. Mohammed Mossadegh wurde im Dezember 1953 zu drei Jahren Haft verurteilt und danach ins Exil verbannt. Das gleiche Schicksal traf circa 270 seiner Anhänger.

In den Monaten nach dem Coup handelten Briten, Amerikaner und Iraner die Rückführung des iranischen Öls auf den Weltmarkt aus. Dabei ließen die US-Unterhändler nie auch nur den Hauch eines Zweifels daran aufkommen, wer in diesen Unterredungen den Ton angab. Vor allem der „Stabilisierung“ des Irans und somit der Region sollte nun absolute Priorität eingeräumt werden. Daran hing, wie man in Washington meinte, nicht zuletzt die nationale Sicherheit der USA. Währenddessen zögerten die amerikanischen Ölkonzerne nicht, im Iran einzusteigen. Eine Wiederaufnahme der Ölproduktion unter britischer Leitung wäre selbst nach dem Regierungswechsel für die Iraner nicht hinzunehmen gewesen. Also gründete man nun ein internationales Konsortium, in dem die britische AIOC nur noch 40 Prozent der Anteile hielt. Weitere 40 Prozent gingen an die großen fünf amerikanischen Ölkonzerne, das letzte Fünftel teilten sich die Royal Dutch Shell und die Compagnie Française de Pétrole. Die Iraner erhielten fortan die Hälfte der Profite, die das Konsortium einstrich, die AIOC bekam eine moderate Entschädigung zur Deckung ihrer Verluste, und die AIOC-Aktie schnellte auf Rekordhöhe.

Die Amerikaner hatten im Laufe der Irankrise im Nahen Osten das Heft in die Hand genommen – mehr als drei Jahre vor dem Konflikt um die Besetzung des Sueskanals in Ägypten. Im Iran errichteten sie das Paradebeispiel eines korrupten und brutalen Marionettenregimes. Gefüttert mit hoher Militär- und Wirtschaftshilfe sowie gestützt durch einen rücksichtslosen Geheimdienst, machten sie den Schah für die nächsten 25 Jahre zur starken Figur im Land – und zu einem der verhasstesten Diktatoren der islamischen Welt.

Quelle
Ibykus ist offline   Mit Zitat antworten
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Ibykus die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)
Antwort Gehe zum letzten Beitrag



Themen-Optionen

Gehe zu



Aktuelle Uhrzeit 11:37
Powered by: vBulletin Version 3.0.3
Copyright ©2000 - 2019, Jelsoft Enterprises Ltd.
Copyright © stock-channel.net